Jan 18
Browser-basierte, mobil-optimierte Webanwendungen - war’s das?
Erleben nach dem großen App-Store-Erfolg mobil-optimierte Webanwendungen vielleicht doch wieder eine Renaissance?
Ich muss erkennen: Ich habe 2007 die weitere Entwicklung des “Mobile Web” ganz anders eingeschätzt. Mit diversen, einigermaßen leistungsfähigen Smartphones ausgestattet dachte ich “jetzt geht’s los”. Jetzt werden Webseiten für Handys benötigt, immer mehr Geräte “können das”, das ist das nächste große Ding. Habe mich mit XHTML-MP und WAP-CSS beschäftigt, Geräte-Betriebssystem-Browser-…-spezifische Besonderheiten untersucht und (teilweise) gelöst, mich zum “Certified DotMobi Web Developer” weitergebildet, einige mobile Sites entwickelt und überhaupt viel gelernt.
Dann kam das iPhone und mit ihm kurz darauf der AppStore. Plötzlich wurde klar, dass sich hier - neben allerlei Apps und dem Businessmodell hinter alledem - eine völlig neue Art des mobilen Internet entwickeln würde. Und so ist’s dann auch gekommen: Native Apps nutzen das Internet, um zu funktionieren. Der (mobile) Browser wird da gar nicht benötigt. Und jede andere Firma, jedes andere System zieht nach. Nokia, Palm, Android, Windows Mobile…
Aber trotzdem frage auch ich mich: Muss denn alles eine “App” sein? Ist nicht auch viel Marketing-Tam-Tam dabei, wenn man etwas, was wirklich gut im Browser liefe dennoch als App baut. Meistens “nur” als iPhone, weil’s so hip ist und jede weitere App für eine andere Plattform dann auch wieder erst entwickelt (also bezahlt) werden müsste? Insbesondere weil die mobilen Browser und die Geräte ja heute wirklich viel mehr können als 2007. HTML5 zum Beispiel… Und auch Desktop-Websites halbwegs benutzbar darstellen.
Tja. Was also wird aus dem (browserbasierten, optimierten) mobile Web? War’s das also?
Januar 19th, 2010 at 00:41
oh ja, sehr interessant! ich bin da 100%ig deiner ansicht. ich finde es ungemein schade, dass es jetzt für alles eine app gibt. frei nach dem motto: schau doch einfach mal im appstore nach.
allerdings ergibt sich daraus eine wirklich schlimme konsequenz (wie ich finde): man sperrt benutzer aus, die potentiell mit dem “system” arbeiten möchten. bzw. personen, die den dienst gerne in anspruch nehmen würden, aber es nicht können, weil sie kein iphone haben.
aber es gibt ja nicht nur das iphone… auch alle anderen hersteller bieten ja ihre eigenen “app-stores” an - da heißen sie zwar anders, aber die funktionsweise ist die selbe.
nur um das klarzustellen: es gibt mit sicherheit apps, die sinnvoller weise ein eigenständiges produkt sein müssen. eine augmented-reality-anwendung kann zwangsläufig nicht in den momentan verfügbaren mobilen browsern dargestellt werden. oder eine navigationssoftware.
aber es gibt meiner meinung nach so viele tolle anwendungen, die nicht an spezielle hardware gebunden sind. z.b. praktische todo-listen oder ein schicke feedreader. all diese dinge kann man doch wunderbar als web-anwendung realisieren, die spielend im browser arbeitet. es entsteht meiner meinung nach sogar noch ein unglaublicher vorteil dadurch: das system kann so auch für desktop-nutzer interessant werden, meine potentielle nutzergruppe verrgrößert sich also! wieso dieses kalkül keine berücksichtigung findet, ist mir extrem schleierhaft.
und noch ein punkt fällt mir ein: es gibt so viele verschiedene smartphones, dass es für ein unternehmen nahezu unmöglich sein kann, für jedes mobile betriebssystem eine eigene app zur verfügung zu stellen. warum also nicht auf den browser zurückgreifen, der ja heute in keinem mobilen gerät mehr fehlt?
außerdem gibts ja noch die liga der netbooks und anderer geräte, die da zukünftig kommen werden. auch hier hat man tendenziell “weniger” platz und muss sich beschränken.
die kurzsicht der unternehmen entzieht sich auch hier meiner kenntnis. relativiert wird das ganze natürlich dadurch, dass eine software sich ja auch irgendwie rentieren muss.allerdings gibt es durchaus hinweise aus der praxis, wo dies selbst bei “topseller”-apps nicht der fall ist.
ich war kürzlich (im november) beim mobile application camp in der homebase-lounge in berlin. dort haben wir auch kurz diese problematik angesprochen - unter dem wundervollen titel: “Spannungsfeld Web vs. App”. aber so wirklich an den kern der sache vorgestoßen sind wir nicht.
ich würde mich über einen weiteren und detaillierten erfahrungs- und ideenaustausch extrem freuen!
Lukas aus Berlin
Januar 19th, 2010 at 08:59
Die Spannung zwischen App und Web sehe ich erstmal nicht in der Form. Vor allem, da jetzt Android anrollt und somit die Apps in mehreren Version vorliegen müssen.
Obwohl auch ich in dem Bereich “Mobile Websites” arbeite, denke ich, dass sich das Thema in ca. einem Jahr größtensteils erledigt hat. Meiner Meinung wird das aber vor allem an den hochauflösenden Displays und den guten Webbrowsern liegen. Spätestens beim Motorola Milestone und beim Nexus One ist eine optimierung von Webseiten für mobile Geräte kaum noch notwenig. Hochstens muss man noch ein paar Fälle beim Design abdecken, aber ein komplett eigenes Design, geschweige denn eigener Content, ist nicht notwenig. Ebenso sind die Browser der Smatphones darauf ausgelegt auf Desktopseiten zu surfen und bieten einem gute Funktionen, sich auf diesen zu orientieren.
Januar 19th, 2010 at 10:38
Sehr gelungener Artikel und man sollte wirklich öfter mal ein Resümee ziehen und sich überlegen, weshalb das “jetzt geht’s los” ausgeblieben ist. Also, ich denke nicht, dass sich das Thema in einem Jahr, wie Du Axel schreibst, erledigt hat. Im Gegenteil sehe ich jetzt erst, wie immer mehr nicht-technikaffine Leute “sich trauen” mal das mobile Internet zu benutzen. Und da ist die Hemmschwelle noch eindeutig niedriger, als sich eine App zu installieren (mal ausgenommen das iPhone und Android Geräte). Man muss doch nur mal einen Blick bspw. in der U-Bahn auf die verschiedenen mobilen Geräte werfen, die noch im Umlauf sind. Da stellt man eindeutig fest, dass es zum großen Teil Geräte mit einer Auflösung von 240×320px oder niedriger sind. Und für diese Geräte braucht man nach wie vor optimierte Seiten. Allerdings ist es eben nicht ganz einfach, diese, wie ich finde sehr kritische Zielgruppe “abzuholen”.
Wenn man sich mal überlegt, was für ein Image Apps im Vergleich zu mobilen Websites haben, dann muss man zugeben, dass bei vielen das mobile Web immernoch automatisch mit hohen Preisen verbunden ist. Bei Apps ist das nicht der Fall. Außerdem kommt der Funktionsumfang dazu. Apps bieten auf den ersten Blick einfach mehr. Und da würde ich mir wünschen, dass nicht nur mobile Widgets oder App-Stores von den Herstellern gefordert werden, sondern dass endlich mal ein Ruck durch die mobile Browserlandschaft geht. Denn diese haben in den letzten Jahren einfach zu sehr stagniert. Meiner Meinung nach müssen da endlich mal Funktionen rein, die dem mobilen Kontext gerecht werden.
Januar 19th, 2010 at 10:58
Ich finde eigentlich auch, dass der von Nina erwähnte “mobile Kontext” das wichtige Kriterium für eine mobile-optimierte Website ist. Klar können - zum Glück! - immer mehr Handy-Browser die “normalen” Seiten erträglich zugänglich machen (also, teilweise richtig gut), aber dennoch fehlen diesen Seiten ja elemente, die man unterwegs gut gebrauchen könnte: Verlinkte Telefon-Nummern, insgesamt leichtere Seiten, andere Informationen schneller zugänglich machen etc…
Aber auch Lukas und Axel haben beide gute und richtige Statements abgegeben. Es gibt viele Möglichkeiten.
Auf Kundenseite höre ich oft eine Kombination aus, sinngemäß: “Wir brauchen auch was mit Mobile Web - was kostet denn so’ne App?” Teil 1 dieser Frage habe ich 2007 so erwartet, die Entwicklung in Richtung Teil 2 - offen gestanden - damals nicht.
Januar 19th, 2010 at 16:21
Nicht einmal Apple kann das “next big thing” vorhersagen - sie versuchen es nur immer wieder und manchmal landen sie eben einen Treffer. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den “Apple Newton”. Wohl eher ein Flop. Apple hat danach fast 10 Jahre gebraucht, um sich mit dem iPhone dem Thema wieder zu nähern. Niemand kann die Zukunft vorhersagen.
Ich denke auch nicht, dass “mobile” gestorben ist - dazu müßte es ersteinmal richtig am Leben sein.
Ich möchte Axel in einem Punkt widersprechen: “… aber ein komplett eigenes Design, geschweige denn eigener Content, ist nicht notwenig.”
Genau darauf läuft es meiner Ansicht jedoch hinaus. Eine App ist eine spezialisierte Form des Umgangs mit der Information bzw. den Daten. Im Gegensatz dazu gibt es immer nur das eierlegende Info-, Service-, Aktualitäts-, Such-, Dokumentations- und Archivierungsungetüm das zumeist als Website bezeichnet wird.
Das Erfolgsrezept der Apps ist meiner Ansicht nach die Spezialisierung zur Unterstützung eines Bedürfnis (Facebook-App, Newsreader, Twitterfon, etc.). Viele Anwendungen nutzen jedoch einen Internetauftritt als Basisanwendung. Wieso werden die Funktionen nicht in Form einer Webseite als iPhone-Webangebot im Sinne eines Webservice umgesetzt (schließlich gibt es doch das iUI)? Es gibt zum Beispiel keine vernünftige Abrechnungsmöglichkeit. Im App-Sore Konzet ist diese enthalten. Das ist mit Sicherheit ein wesentlicher Faktor. Schließlich beginnen gerade die Verlage sich in diesem Bereich zu engagieren, weil jemand für sie das Thema “Content bezahlen” gelöst hat.
Aber um bei dem Thema spezialisierter Content zu bleiben: die meisten Webseiten sind für Desktop-Browser und riesige Screens gut brauchbar. Dies betrifft zum Teil eben einfach die Menge an Informationen: Riesige Texte ohne Navigationshilfen und ohne vernünftige Struktur, Listenweise Teasertexte und andere Snippets. Wer will sich da auf einem kleinen Screen einen Überlick verschaffen? Und wenn neben den Netbooks die Tablet-PC’s sich durchsetzen werden auch die Inhalte anders beschaffen und aufbereitet sein müssen. Es wird einfach auch andere Usability-Anforderungen geben.
Mein Fazit: Sofern die Inhalte und Funktionen konzeptionell nicht Mobile-Tauglich werden, spielen die klassischen Websites als Infokanal für die mobile Nutzung keine Rolle.
P.S. Das Internet war am Anfang fast so übersichtlich wie der App-Store. Demnächst werden werden wir auch dort den Überblick verlieren, sich die Big Player durchsetzen, Nischen werden sich bilden und die Early-Adaptor-Gemeinde wird weiterziehen - aber der Appstore wird natürlich bleiben. Das nächste? Websites auf dem Fernseher? Eigener Kanal, eigenes Format? Oder doch aus der Website beliefern? Das Internet wird zum Glück nie fertig
Januar 19th, 2010 at 23:25
Habe grade noch eine nette Seite gefunden, die gut zur Diskussion hier passt. Eine Gallery über speziell fürs iPhone angelegtes Webdesign.
Ob das der richtige Weg ist bezweifele ich aber auf jeden Fall… das erinnert mich ein wenig an die “schlechten alten” Zeiten von Sätzen wi diesem: “Diese Webseite ist optimiert für den Internet Explorer 6.0 und eine Auflösung von 1024×768 Pixel im Vollbild.”
Ok, ok… Der IE 6 hat wesentlich weniger Standards richtig dargestellt, als die aktuelle Safari-Version auf dem iPhone. Aber eine Fragmentation des Marktes ist auf dem Smartphone-Sektor noch stärker ausgeprägt als zu IE6-Zeiten bei Bildschirmgrößen.
Hier nun der Link (hoffentlich werde ich nicht als Spam einsortiert:
http://cssiphone.com/
Januar 20th, 2010 at 10:27
Eine gute Anregung - danke für den Link!
Januar 21st, 2010 at 20:46
@Lukas: Auch ich möchte mich für den Link bedanken. Ist ne schöne Übersicht. Und noch gleich einen neuen hinzufügen: http://bit.ly/6aWxaI. Hab diesen heute in der StraBa auf dem Nachhauseweg aufm meinem N78 gelesen. Und da bin ich froh, dass es eine optimierte Seite von Spiegel Online gibt.
Nun kurz zum Artikel, den der passt eher zum Thema, wie mein kurzer Ausschweif. Wie ich finde beschreibt dieser sehr schön, wie Apps der Entwicklung des mobilen Internets im Weg stehen, diese sogar der kreativen Entfaltung im Weg stehen. Außerdem wagt es endlich mal jemand, gut argumentiert, zu zeigen, dass nicht alles gold ist, was auf dem Apfel glänzt und vorallem werden endlich auch mal diejenigen, die solche Apps erstellen, berücksichtigt.
Januar 22nd, 2010 at 15:05
Toll, was sich hier in den Kommentaren schon für Wissen und Meinungen angesammelt haben.
Mir ist spontan die Idee gekommen, ob ihr vielleicht Interesse habt, etwas ausführlicher über die ganze Sache zu sprechen. Eventuell könnte man sowas wie ein “Online-Barcamp” veranstalten (per Skype oder Ähnliches)…
So könnte man zum Beispiel ein wenig die unterschiedlichen Standpunkte und Sichtweisen näher beleuchten und ggfs. gemeinsam überlegen, wie man in der Sache weiterverfahren kann.
Besteht da bei euch Interesse, oder eher nicht? Ich jedenfalls würde mich sehr freuen
Januar 22nd, 2010 at 21:03
Ja, super Kommentare! Ein “Virtual-Barcamp” sozusagen? Klingt interessant. Ich werde mal forschen und nachfragen
Januar 23rd, 2010 at 20:57
Interessante Diskussion. Ich verfolge das Thema Mobile Internet schon etliche Jahre und sehe aktuell einen teilweise nicht gerechtfertigten Hype um das Thema Apps. Apple hat mit dem iPhone dem Mobilen Internet sicherlich einen gewaltigen Schub gegeben. Mit der Öffnung des OS für native Apps rückt die browsergestützte Nutzung des Mobile Web aktuell stark in den Hintergrund.
Dies liegt meiner Meinung nach allerdings nicht an den verfügbaren Inhalten oder Funktionalitäten des Mobile Web sondern am Konzept des AppStore, der neben einem genial einfachen Payment-Modell das Angebot auch gleich einer breiten Masse zugäglich macht. Apple übernimmt sozusagen den kompletten Vertriebskanal (für einen 30% Revenue Share). Das kann für Unternehmen wesentlich lukrativer sein, denn damit ist man nicht zwangsläufig auf ein werbefinanziertes Angebot angewiesen. Gute Beispiele sind die Springer Apps, die mit In-App Purchasemet (Abo) dem Verlag neue Einnahmequelle bringen sollen. Ob man allerdings die Zeit zurückdrehen kann bezweifel ich.
Viele native Apps machen sicherlich Sinn, da man damit den Funktionsumfang eines Smartphones besser ausnutzen kann (Stichwort GPS, Location Based Services, Kamera, Foto, Kompas etc). Bei einem content-lasigen Anbebot sehe ich das Mobile Web weiterhin im Vorteil, da es die Strukturen des Web einfach besser wiederspiegelt und sich der Nutzer nicht in einem abgekapselten System befindet sondern frei bewegen kann.
Zukünftig werden meiner Meinung nach beide Welten gleichberechtigt parallel existieren. Wenn sich auch im Mobile Web einfache Zahlsysteme etabliern, Mobile Browser bestimmte Basisfuntionalitäten (wie beispielsweise eine Standortbestimmung) ermöglichen und Layout, Design und Inhalte dem jeweiligen Endgerät angepasst sind, ist das MObile Web für micht die bessere App.
Februar 5th, 2010 at 12:36
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