Jul 23 2008
Interview mit Manuel Bieh
Sechs Fragen an Manuel Bieh, dem Autor des ersten deutschsprachigen Buches zum Thema Mobile Web Design.
1. Manuel, wann hast du angefangen dich mit dem mobilen Web zu befassen bzw. Webseiten für mobile Endgeräte zu entwickeln? Überhaupt, wie war dein beruflicher Werdegang?
Das ging bei mir irgendwie alles recht schnell und unkompliziert. Während meine Schulfreunde alle mit 13-14 irgendwelche Computerspiele spielten, bekam ich in dieser Zeit durch eine PC-Welt CD einen HTML-Editor mitsamt Internet Explorer (ich glaube es war der 3er) in die Hand und war ab dem Zeitpunkt völlig angetan davon, was man mit HTML alles machen kann. Ich bin dann durch ein Schulpraktikum in einer der damals noch recht wenigen Webagenturen an einen Ausbildungsplatz zum Mediengestalter gekommen, hab dann nach der Ausbildung ein Jahr als freier Entwickler gearbeitet und bin inzwischen Geschäftsführer einer Agentur für mobile Internetlösungen hier in Dortmund. ( Anm. d. R.: Mobilistics GmbH )
Angefangen für mobile Geräte zu entwickeln bzw. mich überhaupt damit zu befassen passierte irgendwann in dieser Zeit, ich kann gar nicht mehr genau sagen wann. Ich bin ein ziemlicher Internet-„Fan“ der ständig seine E-Mails, ICQ etc. checken muss. Was lag da also näher als das Handy dafür zu benutzen? Beim bloßen „Benutzen“ ist es dann nicht lange geblieben und ich hab angefangen kleinere Seiten für mich selbst zu entwickeln. Abgesehen von einem Gastroführer der inzwischen nicht mehr (bzw. noch nicht wieder) online ist, waren das aber alles kleinere nicht öffentliche Anwendungen mit denen ich z.B. komfortabler meine E-Mails checken konnte.
2. Wie schnell werden sich Mobile-Web-Standards im Umfeld der Browser und Geräte durchsetzen? Stand heute sind die Unterschiede in der Darstellung noch sehr unterschiedlich. Auch die vielen unterschiedlichen Eingabe- und Navigiermethoden erfordern ja eigentlich dem Endgerät angepasste Versionen. Der damalige “Browser-Krieg” im Desktop-Bereich war da im Vergleich ja fast harmlos. Wie passt dies alles mit dem Wunsch nach dem “One Web” oder besser dem “One Mobile Web” zusammen?
Ich glaube es liegt weniger an den Webbrowsern selbst, als an den verwendeten Geräten, was die Entwicklung angeht. Ich habe mir anfang des Jahres den Nokia E90 Communicator zugelegt der auf Webkit als Browser setzt und ich war überrascht wie originalgetreu das Gerät Websites darstellt. Auch beim iPhone ist ja hinlänglich bekannt, dass ein vollwertiger Safari integriert ist. Ich denke die Gerätehersteller erkennen so langsam, dass eine Telefon- und SMS-Funktion in einem solchen Gerät längst nicht mehr ausreicht. In Zukunft liegt es dann nur noch daran, wieviele Benutzer noch mit alten Geräten unterwegs sind, und nicht daran, wieviele Benutzer mit neuen Geräten die keinen vernünftigen Webbrowser haben.
Das irgendwann mal zu einem echten „One Web“ kommen wird, das sehe ich skeptisch. Dafür sind die Anforderungen viel zu verschieden. Es gibt Inhalte, deren Darstellung macht auf Handys wenig Sinn, die will man einfach gar nicht am Handy abrufen, es gibt ebenso Inhalte die am Desktop wenig sinnvoll sind. Standortbezogene Dienste und Informationen um mal das klassische Beispiel zu nennen. Klar kann man Schnittmengen bilden, mit Informationen, die unabhängig vom verwendeten Gerät für den Benutzer von Interesse sind, dann aber doch bitte mit angepasstem Layout für mobile Geräte. Denn auch wenn sicherlich in Zukunft viele Geräte in der Lage sein werden auch gewöhnliche Websites fehlerfrei darzustellen, Spaß macht das nicht unbedingt.
3. Wie bewertest du die Berufsaussichten für Webdeveloper, die sich auf Mobile Web spezialisieren? Siehst du da überhaupt Bedarf an Spezialisten, oder glaubst du eher, daß sich der klassische Web-Worker hier (lediglich) zusätzliches Wissen aneignen wird um so das eigene Portfolio zu erweitern?
Der Bedarf an Web-Entwicklern für das mobile Web ist auf jeden Fall gegeben, so hab ich schon auf einigen Agenturseiten Stellenausschreibungen gesehen, in denen explizit ein „mobile Webdeveloper“ gesucht wurde. Ich denke aber dass auch der klassische Web-Worker diesen Job erledigen kann. Kenntnis von der Materie, liebe zum Beruf und Bewusstsein für Web-Standards vorausgesetzt.
Ich höre zum Beispiel von vielen Bekannten die selbst Agenturen führen immer wieder, dass sie explizit auf mobile Versionen angesprochen werden, wenn zur Debatte steht, dass ein neuer Online-Auftritt erstellt werden soll. Sicherlich wird der Bedarf an mobilen Web-Entwicklern nie den, an klassischen Web-Workern übersteigen, aber ich bin mir sicher, dass zumindest in größeren Agenturen zukünftig auch gezielt nach Entwicklern für mobile Websites gesucht werden wird.
4. Was sind deiner Meinung nach die kommenden großen Trends im Bereich Mobile Web? Welche Technologien werden sich durchsetzen, welche Arten von Anwendungen werden die Leute regelmäßig nutzen wollen? Wird es mehr Multimedia-Inhalte (Flash, Video) geben?
Ich hoffe stark, dass Gerätehersteller, Google oder OpenMoko zum Vorbild, ihre Software bzw. ihr Betriebssystem etwas „offener“ gestalten, und zwar so, dass man möglichst ohne großen Aufwand auch auf Systemfunktionen zugreifen kann. Was ich mir z.B. wünschen würde ist die Möglichkeit direkt aus dem Handy-Browser auf GPS-Koordinaten zugreifen zu können, ohne sich dafür zusätzliche Software installieren zu müssen. Ein User müsste dann in den Einstellungen wählen können ob er seine Standortdaten preisgibt oder nicht. Durch die Integration von GPS-Empfängern in immer mehr Geräten würden Location Based Services dann endlich mal richtig interessant werden.
Was Trends angeht, da denke ich dass das mobile Web selbst der große Trend sein wird. Vor allem große Firmen erkennen nach und nach den Nutzen von mobilen Websites für sich und so kommt es, dass bereits viele größere Unternehmen ihren Benutzern Mehrwerte auf mobilen Websites an die Hand geben. Spontan fällt mir da die Barmer oder Aral ein.
Die Entwicklung von Flashlite verfolge ich ebenfalls gespannt, ich hoffe ein wenig, dass sich diese Technologie weitflächig durchsetzen wird und die Hersteller die Technik in alle ihre Geräte ab Werk integrieren. Auch wenn ich selbst zugegebenermaßen nur wirklich wenig Ahnung von Flash habe, man kann damit schöne Dinge machen auf dem Handy. Auch hier wäre es wünschenswert wenn Flashlite irgendwann auf Systemfunktionen wie die Handykamera zugreifen kann, um zum Beispiel Livebilder an eigene Webapplikationen zu senden o.ä. - falls das nicht bereits möglich ist. Auch Laufzeitumgebungen für Rich Internet Applications wie Google Gears oder Adobe AIR könnte ich mir zukünftig super auf mobilen Geräte vorstellen. Zumindest Google hat ja schon angefangen ihr Gears für mobile Geräte zu portieren. Auch ein Markt in dem möglicherweise viel Musik steckt.
Ich glaube ich könnte ewig so weitermachen, da ich denke, dass sich in dem Bereich in naher bis mittelfristiger Zukunft viel entwickeln wird. Im Vordergrund wird meiner Meinung nach aber immer die Informationsübermittlung stehen, danach kommt der Unterhaltungssektor mit Multimedia-Inhalten/Videos, etc …
5. Neben deiner Tätigkeit als Buchautor bist du Geschäftsführer der Mobilistics GmbH. Was hat es damit auf sich? Was genau macht ihr?
Wie gerade bereits angesprochen haben wir uns auf die Entwicklung und Optimierung von Internetlösungen für mobile Geräte spezialisiert. Wir entwickeln für unsere Kunden Applikationen die prinzipiell auch im „herkömmlichen“ Internet vorstellbar wären, bei denen aber der Fokus auf der Darstellung und dem Abruf auf mobilen Geräten liegt. Ein Beispiel was ich hier immer gern anführe sind mobile CRM-Systeme, durch die ein Außendienstmitarbeiter während eines Einsatzes „mal eben“ auf Kundeninformationen zugreifen kann, ohne dabei ständig sein Laptop mitnehmen zu müssen. Telefonnummern, Kundenstatus, Adressdaten, alles stets parat auf dem eigenen Handy, zentral gepflegt und tagesaktuell.
Selbstverständlich entwickeln wir auch ganz gewöhnliche mobile Websites bspw. zur Unterstützung von bestehenden Online-Auftritten oder Print-Kampagnen. Generell sind wir gerade sehr experimentierfreudig und so werden wir demnächst eventuell sogar einige QR-Code gestützte Werbemaßnahmen hier in der Umgebung an den Start bringen. Zuviel möchte ich da noch nicht verraten, aber man wird sicherlich etwas davon mitbekommen.
6. Dein Buch “Mobiles Webdesign” ist kürzlich im Galileo Verlag erschienen (Buchbesprechung folgt). Wie war die Arbeit daran, wie bist du zufrieden und wird es eine Fortsetzung geben?
Also zuerst muss ich sagen, ich bin jemand der seinen Job liebt und lebt, und so habe ich mich auch nicht von meinem Weg abbringen lassen, als mir einige andere Buchautoren die ich kenne erzählt haben, dass es wirklich eine echt Mordsarbeit ist ein Buch zu schreiben. Und phasenweise, gerade am Anfang war es wirklich alles andere als spaßig. Ich hatte eine strikte Seiten- und natürlich eine Terminvorgabe vom Verlag bekommen. Der Termin war recht knapp aber durchaus realistisch, die Seitenvorgabe war mit mir abgestimmt und daher völlig OK.
Während der Arbeit habe ich aber gemerkt, wohl bedingt durch meinen eigenen Qualitätsanspruch, dass so ein Buch tatsächlich nicht mal eben so geschrieben ist. Man besitzt ja gewissermaßen einen „Lehrauftrag“, denn viele Entwickler richten sich nach dem, was man in einem Buch schreibt. Gerade wenn es das erste umfassende deutsche Werk zu diesem Thema ist. So reicht es dann eben nicht bloß zu behaupten, dass irgendetwas so und so gemacht wird, sondern man muss sich der Sache schon sehr sicher sein; anders als z.B. beim Bloggen, wo es immer jemanden gibt, der auf eventuelle Fehler in den Kommentaren oder per E-Mail hinweist. Die Recherche hat dadurch sehr viel Zeit in Anspruch genommen.
Zufrieden bin ich im großen und ganzen schon ziemlich, ja. Allerdings hätte ich gern noch viel mehr Praxisbeispiele im Buch untergebracht, wozu aber am Ende die Zeit einfach nicht mehr gereicht hat. Die Zeitvorgabe war fest abgemacht und wurde schon einmal recht großzügig nach hinten verlegt, eine zweite Verschiebung war leider nicht möglich und so saß ich dann in der letzten Woche vor der Abgabe Fulltime am Buch und habe zugesehen, dass alle Texte schlüssig und ausführlich sind. Dem hatte ich eine höhere Priorität zugemessen, als kurz vor Schluss noch hektisch Praxisbeispiele reinzubringen.
Auch wenn diese Leute, die mich anfangs gewarnt hatten, dass es wirklich viel Arbeit ist, in der Tat recht hatten, so hat die Arbeit am Buch im Nachhinein wirklich Spaß gemacht, so dass ich eine zweite Auflage, wenn der Verlag auf mich zukommen sollte, keineswegs ausschließen würde.
Manuel, vielen Dank für deine Antworten und weiterhin alles Gute.
Die Fragen stellte Michael Schwarz